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Deutsche Bestenermittlung 2009 der 16-qm Jollenkreuzer in Berlin
Auch für Tourenboote (B-Wertung) eine Herausforderung
In der Zeit vom 27. Juli bis 1. August 2009 fanden in Berlin auf dem Wannsee die Deutsche Bestenermittlung 2009 der 16-qm Jollenkreuzer und die Vorregatta um den Höppner-Preis statt. Axel Grünig vom Nordostbayerischen Segelclub (NOSC), Eigner und Steuermann der ANNI (Segelnummer GER 110), hat mich überredet, doch einen Bericht aus unserer Sicht als Teilnehmer in der sogenannten B-Wertung (Tourenboote) zu schreiben. Die modernen und technisch hochgerüsteten Rennboote dieser Bootsklasse segeln in der A-Wertung.
Mein Rückblick beginnt im Sommer 2008:
31. Juli 2008
„Nach der Bestenermittlung ist vor der Bestenermittlung“ – unter diesem Motto beschäftigen wir uns auf der abendlichen Fahrt vom Dümmer See zum Bahnhof Hamburg-Altona. Die letzte Wettfahrt liegt noch keine zehn Stunden zurück und die BEM 2009 beginnt für uns bereits in dieser Nacht mit der Frage: Wie bringt man die ANNI ans Laufen oder besser ans Fliegen? Da wir als „Rookies“ mit unserem absoluten „Lowtech“-Boot in der B-Wertung beim Höppner-Preis den dritten Platz und bei der BEM 2008 den (undankbaren) vierten Rang belegten, dies alles ohne Erfahrung und ohne Spinnaker, war eins klar: Für die Teilnahme 2009 in Berlin muss ein Spi her! Bereits während der Meisterfeier im Clubheim des SCL haben wir uns nach einem gebrauchten Spi umgehört. Axel bekam von Karl-Heinz Danielzik (GER 331) spontan dessen kleinen älteren angeboten.
Oktober 2008
Axel berichtet mir vom ersten provisorischen Einsatz des Spinnakers bei der Herbstregatta des SCES am Ellertshäuser See bei Schweinfurt. Dort belegte er mit seinem örtlichen „Ersatz-Vorschoter“ den zweiten Platz hinter Hilmar Härtel (GER 425) mit dessen Vorschoter Martin Oppmann. „Da geht was. Wir waren dem Hilmar immer dicht auf den Fersen. Wir brauchen aber auch noch ein neues Großsegel. Außerdem muss ich mir mit Schwert und Ruderanlage noch etwas einfallen lassen.“ Die Ruderanlage wurde nämlich bei der Bestenermittlung auf dem Dümmer durch Kollision der NAVIS (GER 79) mit dem Heck der ANNI beschädigt. Für Axel als gelerntem Tischler demnach also kein Mangel an Winterarbeiten.
November 2008
Wir telefonieren fleißig miteinander oder senden uns E-Mails. Von den verschiedenen Segelmachern lässt Axel sich Angebote für das neue moderne Großsegel machen, natürlich unter Berücksichtigung der zulässigen Gesamtsegelfläche. Die Herstellung des Spi-Baumes, den Axel preisgünstig aus Alurohr und entsprechenden Beschlägen selber fertigen will, wird ebenso diskutiert wie der Durchlass für den Spinnaker im Vordeck. Da das Boot ja voll tourentauglich bleiben soll, kommt nur eine Lukenkonstruktion infrage. Die Maße müssen sich nach dem vorhandenen Platz vor der Kajüte und dem Verlauf der Decksbalken richten, die zum Teil herausgesägt und durch das einzubauende Lukensüll abgefangen werden.
Dezember 2008
In der Scheune, in der Axel arbeitet, ist es nach seinen Worten „saukalt“. Axels Vater, wie sein Sohn ebenfalls Tischler, hat nach dessen Angaben die Luke fertiggestellt. Die Anpassung an die Deckswölbung, die sogenannte Balkenbucht, war gar nicht so einfach. Insbesondere die Position und Funktion der Scharniere bereiten Axel noch einiges Kopfzerbrechen. Kurz vor Weihnachten dann die Nachricht, dass die Luke „sitzt“ und nach ein paar Versuchen mit den Scharnieren jetzt auch funktioniert. Geöffnet wird die Luke mit einer Leine, die von vorn über das Kajütdach nach achtern läuft und beim Spi-Manöver vom Vorschoter bedient werden kann. Das Schließen erfolgt durch Gummizüge. Sie sollen auch das Aufschlagen bei über-kommendem Wasser verhindern. Außerdem ist inzwischen der Decksbeschlag für das Vorstag unter Deck zusätzlich mit einen Stahldraht im Bereich des Stevenknies fixiert. Das Vorliek von Fock oder Genua kann jetzt bei Bedarf mit mehr Spannung gefahren werden.
Januar 2009
Bis auf Reparaturen und Versteifungen am weichgewordenen Kajütdach ruhen die Arbeiten am Boot. Für Axel ist es einfach zu kalt zum Arbeiten in der ungeheizten Scheune. Wir beide machen uns stattdessen unabhängig voneinander Gedanken zur Führung und Fixierung des Spifalls sowie der Spischoten. Das Problem: bei ANNI ist das Vorstag mit der offenen Trommel der Rollanlage sehr weit vorn angeschlagen. Es steht zu befürchten, dass sich das Spifall mit Fock oder Genua eindreht und zumindest eine Spischot unter der Trommel unklar kommt, da die Luke ja hinter dem Vorstag liegt. Ganz gelöst ist auch noch nicht die Führung des Spinnakers beim Einziehen unter Deck. Im Augenblick favorisieren wir beide eine Umlenkung durch Rollen aus HT-Abflussrohren mit einem Durchmesser von 50 Millimetern.
Für die Positionierung der Curry-Klemmen von Spifall, Baumniederholer, Lukenleine, Toppnant und Spibaumniederholer hat Axel sich auch eine Lösung einfallen lassen: quer vor dem Schiebeluk der Kajüte wird eine Traverse aus Sperrholz angebracht, die gleichzeitig als Anschlag für das Schiebeluk dient. Der Vorschoter kann ab sofort die Leinen relativ schnell und bequem vom Cockpit aus bedienen.
Februar 2009
Axel kann nicht durchgängig am Boot arbeiten. Dazu ist es oft zu kalt. Aber nach und nach werden die Ideen umgesetzt. Barberhauler und die Umlenkung der Spischoten werden fest installiert, alles in möglichst einfacher und unkomplizierter „lowtech“-Weise. Trotzdem wird uns eine Menge mehr an Tauwerk im Cockpit erwarten. Es wir sicher etwas dauern, bis die Abläufe dann alle stimmen. Zunächst sind wir allerdings positiv gespannt auf die neue, selbst gestellte Herausforderung.
März 2009
Der neue Ruderkopf entsteht. Er wird stabiler als der alte, der den Belastungen der Kollision nicht standgehalten hatte. Außerdem baut Axel einen längeren Pinnenausleger, um in Zukunft auch soweit vorn sitzen oder stehen zu können, wie es zur Entlastung des Hecks oder für die Manöver erforderlich ist.
April 2009
Das Stahlschwert bekommt seine neue Form. Bisher hatte es den Schnitt, der ihm damals mit dem Bootsriss „Renner“ von Heribert Streuer gegeben wurde. Es soll nun etwas schlanker und dadurch strömungsgünstiger werden. Die neue Form wird aufgezeichnet und dem Stahl wird mit einer Flex zu Leibe gerückt. Axel weiß hinterher nicht mehr genau, wie viele Trenn- und Schruppscheiben er dabei verbraucht hat. Anschließend bringt er das Schwert zum Feuerverzinken. Jetzt muss es auch flott vorangehen, da auch noch das Unterwasserschiff neu beschichtet werden soll. Schließlich wollen wir Anfang Mai die erste Regatta segeln.
02. / 03. Mai 2009
Offene Stadtmeisterschaften beim Northeimer Segelclub, Axels früherem Heimatrevier in Südniedersachsen. Axel kommt mit ANNI aus dem Süden, ich aus dem nahen Harz. Wir treffen uns am Samstagvormittag unter dem Bootskran. Um 15.00 Uhr soll der erste Start von insgesamt vier Wettfahrten sein. Dann zügig das Übliche: Kranen, dann den Mast stellen und ausrichten, auf einen Liegeplatz am Steg verholen, Segel anschlagen, ein paar Probeschläge. Bei schwachem und unregelmäßigen Wind probieren wir den Spinnaker aus. Das Setzen funktioniert zwar einigermaßen, doch beim Niederholen und Verstauen zeigen sich die schon vermuteten Schwachpunkte der Konstruktion: die Lage der einen Spischot unter dem Fockroller und das Eindrehen des Spifalls, weil es zu dicht am Vorstag verläuft. Nach einigen enttäuschenden Versuchen lassen wir den Spi schließlich weg. Hier muss auf jeden Fall noch nachgebessert werden. Um trotzdem bei der anstehenden Yardstick-Regatta einen Anreiz zu haben, segeln wir statt in der Kajütbootwertung in der Jollenwertung und werden mit dem zweiten Platz in der Gesamtwertung belohnt.
Juni 2009
Unsere Meldung für den Höppner-Preis und die Bestenermittlung gehen an den Veranstalter, den Segler-Verein Stößensee (SVSt). Wir werden dort im Zelt schlafen und morgens in aller Ruhe das Frühstücksbüfett genießen, für das ich uns vorab auch schon anmelde. Daheim in der Scheune verlegt Axel währenddessen noch die untere Spifall-Arretierung mithilfe einer Holzschiene soweit es geht nach vorn. Dadurch bekommt auch die Spischot mehr Spiel unter der Rollanlage. Nach weiteren Tests auf heimischem Gewässer kommt die gute Nachricht von ihm, dass das Setzen und Bergen des Spinnakers jetzt ordentlich funktioniert. Gleichzeitig hat Axel aber Zweifel, ob denn der kleine Spi überhaupt ausreicht, um dann in Berlin konkurrenzfähig zu sein. Er erinnert sich, dass ihm auch Kolja Mischok (GER 424) seinen älteren, aber größeren Spinnaker angeboten hat. Eine Anfrage von mir per E-Mail und wir haben die Zusage von Kolja, dass er uns für den Wannsee sein altes Segel mitbringen wird.
Anfang Juli 2009
Bald ist es soweit. Wir telefonieren oft miteinander, sind gespannt und voller Vorfreude auf die letzte Juliwoche an Wannsee und Havel. Zunächst jedoch bin ich für zwei Wochen im Urlaub.
Samstag, 25. Juli 2009
Schon seit Freitagabend liegen Schlafsack, Zelt, Segelzeug und Reisetasche im Auto. Nach dem Frühstück geht es los. Über die A 2 und A 10 fahre ich bis nach Berlin-Spandau, dann weiter über die B 5 bis zum Stößensee. Axel wird mit seinem Boot am Haken von Süden über die A 9 anreisen. Am späten Vormittag erreiche ich im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf das Gelände des SVSt an der Havelchaussee und erfahre dort, dass die 16-qm-Jollenkreuzer und ihre Besatzungen auf dem Gelände des benachbarten Klubs am Rupenhorn (KaR) unter-gebracht sind. Bereits ein ganzer Teil der mir von 2008 bekannten Crews hat sich dort schon eingefunden. Axel ist noch unterwegs, deshalb suche ich uns zwischenzeitlich einen Zeltplatz und beginne mit dem Aufbau. Mittags trifft Axel mit dem Boot ein. Wir bereiten das Kranen vor. Nacheinander werden die Boote zu Wasser gelassen und an die zugewiesenen Stegplätze verholt. In aller Ruhe treffen wir im Laufe des Nachmittags die üblichen Vorbereitungen. Erst am folgenden Tag wollen wir auf der Havel bis zum Wannsee segeln und dabei die erforderlichen Einstellarbeiten durchführen. Den sommerlichen Abend verbringen wir dann draußen sitzend mit unseren Zeltnachbarn. Wenn man sich längere Zeit nicht gesehen hat, gibt es jede Menge zu erzählen.
Sonntag, 26. Juli 2009
Zum Frühstücken fahren wir nach Berlin hinein. Gegen 10.00 Uhr sind wir zurück, legen um 11.00 Uhr ab und kreuzen bei einem Wind etwa der Stärke 3 unter Groß und Genua I nach Süden bis auf Höhe des Wannsees. Es herrscht reger Wochenendbetrieb. Inzwischen ist es 14.00 Uhr geworden und wir haben die Segel mehrfach getrimmt. Jetzt wird es Zeit für den Spinnaker. Unter Deck lege ich die Lieken sorgfältig aus, schlage das Fall und die Schoten an. Im Kopf gehe ich die Manöverschritte nochmals durch. Dann turne ich nach vorn, löse den Spibaum vom Mast und sorge dafür, dass das Tuch sauber durch die Luke läuft. Geschafft – gleich beim ersten Mal steht das Segel vernünftig. Auch das Einpicken des Spibaums an Luvschot und Mast funktioniert. Da der Wind etwas zugenommen hat, kommt das Boot nach dem Anluven auf Raumschotskurs ins Gleiten. Für das Einholen des Spis brauchen wir zwar noch zu lange, doch schon kreuzen wir wieder auf, um das Ganze zu wiederholen. Nach dem vierten oder fünften Durchgang fragen wir uns, ob wir es denn jetzt auch mit Koljas großem Spinnaker versuchen sollten. Ein wenig mulmig ist mir dabei, da der Wind weiter auffrischt. Können wir Boot und Segel noch kontrollieren? Tief durchatmen und los geht’s. Kaum dass der Spi steht, geht spürbar ein Ruck durchs Boot, als ob jemand aufs Gaspedal getreten hätte. Diesmal ist das Boot sofort in Gleitfahrt. Wir haben weder Logge noch GPS an Bord und wissen deshalb nicht, wie schnell wir sind. Es muss aber ziemlich flott vorangehen, da wir inzwischen die Fahrgastschiffe auf der Havel überholen. In uns kämpfen jetzt zwei Gefühle miteinander: einerseits eine freudige Erregung mit Kribbeln im Bauch, andererseits eine eher unbestimmte Sorge, ob dieser Ritt auch gut geht. Viel zu schnell ist die rauschende Fahrt zu Ende. Auf unserem Heimatkurs wird die Havel enger und der Schiffsverkehr immer dichter. Mit etwas Mühe bergen wir den Spi und segeln dann „gesittet“ zurück zu unserem Stegplatz beim KaR. Beim Abendessen und anschließenden Klönen mit den Anderen lassen wir den Nachmittag noch mal Revue passieren. Nach den Fehlschlägen Anfang Mai sind wir jetzt davon überzeugt, dass wir bei den vor uns liegenden Wettfahrten der kommenden Woche den Spinnaker auch wirksam einsetzen können.
Montag, 27. Juli 2009
Höppner-Preis, erster Tag. Im Schlepp geht es zur Regattabahn. Gespielte Gelassenheit bei uns an Bord – gleich die ersten Wettfahrten versprechen spannend zu werden: Neben Hilmar Härtel (GER 425) und Dr. Peter Zotti (AUT 327) sind Konkurrenten in der B-Wertung dabei, die vom Bootsriss und der Ausrüstung her auch als A-Boote gelten könnten. Außerdem ist unbeständiger, in Stärke und Richtung wechselnder Wind vorausgesagt. Er soll wohl später zunehmend böiger werden. Dann der erste Start. Die H-Jollen werden vor uns auf den Kurs geschickt. Unsere Anspannung steigt. Wir wollen natürlich einen perfekten Start hinlegen. Was für ein Pech! Durch einen Winddreher dümpeln wir plötzlich in Lee des Startschiffes herum. Die anderen Boote ziehen davon. Aufholjagd. Das Boot läuft nicht richtig, es kann nur am Segeltrimm liegen. Auch die Spi-Manöver dauern noch zu lange. Wir sind zu verbissen und unkonzentriert. Vor den Bultmann-Geschwistern und Schenkel / Rheinbold retten wir uns noch als Elfte über die Ziellinie, während Zotti / Pöltl und Saringer / Rhode-Schubert die erste Wettfahrt nicht rechtzeitig beenden und deshalb nicht gewertet werden.
Zweiter Start. Wir kommen wesentlich besser weg, entfernen uns dann vom restlichen Feld und kreuzen auf der Suche nach dem günstigsten Wind leider zu weit unter Land. Plötzlich haben wir Grundberührung mit dem Schwert. Wir verlieren kostbare Zeit. Auch Hilmar mit seinem Vorschoter Martin hat an Boden verloren. Wir bleiben ihm auf den Fersen und segeln trotzdem auf der nächsten Runde den gleichen Kurs wie vorher. Der Wind dreht in Böen um die Halbinsel Schwanenwerder. Das wollen wir ausnutzen, lassen die Segel dicht und reiten voll aus. Uns überraschen zwei Böen kurz nacheinander. Das Großsegel kann Axel zwar auffieren, ich aber verliere die Genuaschot aus der Hand und das Boot liegt auf der Backe. Axel erwischt meine Schot noch und reißt sie aus der Klemme – zu spät! Die Segel liegen platt auf dem Wasser – wir haben zu viel riskiert und sind gekentert. Sekunden später stehen wir auf dem Schwert. Glück im Unglück: ANNI richtet sich sofort wieder auf und wir landen im Wasser. Ich halte mich mit einer Hand am Heck fest, mit der anderen lege ich Ruder und drehe so den Bug in den Wind, während Axel sich in Boot zieht. Anschließend bin ich an der Reihe. Zunächst versuchen wir die Wettfahrt fortzusetzen, merken jedoch bei den nächsten Wendemanövern, dass das Boot völlig träge reagiert und instabil ist. Zuviel Wasser ist über die Backskisten eingedrungen und schwappt hin und her. Wir geben auf, melden uns bei der Wettfahrtleitung ab und machen uns auf den Heimweg. Ich beginne das Boot trocken zu legen. An die hundert Liter schöpfe ich unterwegs aus. Den Rest des Tages liegt ANNI zumAustrocknen mit geöffneten Luken und Deckeln am Steg.
Dienstag, 28. Juli 2009
Höppner-Preis, zweiter Tag. Wollen wir nicht schlechter abschneiden als 2008, so müssen wir uns mächtig ins Zeug legen, da es heute nur noch eine Wettfahrt und keinen Streicher gibt. Nach dem Start können wir bei ordentlichem Wind eine ganze Zeit zum Feld der A-Boote Kontakt halten. Der Wind lässt aber nach und wir fallen zurück. ANNI ist nun mal keine Rennziege. Hilmar Härtel holt uns ein und geht schließlich als Neunter vor uns über die Ziellinie. Damit reicht es wie 2008 immerhin für den dritten Platz in der B-Wertung. Diese beiden Tage haken wir gleich nach der Siegerehrung ab. Für die vor uns liegende Bestenermittlung versprechen wir uns gegenseitig volle Konzentration und ganzen Einsatz.
Mittwoch, 29. Juli 2009
Bestenermittlung, erster Tag. Für alle Teilnehmer positiv: Der Wind weht gleichmäßiger als an den vorangehenden Tagen. Unsere Segel stehen von Anfang an gut. Die Segelmanöver laufen zügig und weitestgehend ohne Fehler ab. Ohne große Hektik können wir unsere direkten Konkurrenten beobachten und uns darauf einstellen. Hilmar Härtel (GER 425), Kalle Danielzik (GER 331) und Peter Zotti (AUT 327) haben wir dabei besonders im Blick. An der Luvtonne sind wir meist dicht beisammen. Trotzdem können wir nicht verhindern, dass Hilmar und Kalle jedes Mal vor uns durchs Ziel gehen. Nach drei Wettfahrten liegen wir mit zwei elften und einem zwölften Platz in der vorläufigen Gesamtwertung knapp hinter den beiden.
Donnerstag, 30. Juli 2009
Bestenermittlung, zweiter Tag. Windvorhersage: Starkwind. Bereits vor dem Ablegen tausche ich die Genua I gegen die II-er. Beim Schlepp zur Regattabahn von Wind keine Spur. Also zurück auf die I wechseln. Während der Wechsel auf den anderen Booten durch Austausch des kompletten Vorstags eine Sache von wenigen Minuten ist, komme ich auf der ANNI dabei ins Schwitzen. Lösen des Falls an der Rolltrommel, Segel niederholen, Abnehmen der Stagreiter, Schäkel an Segelhals und Segelkopf öffnen, Anschlagen des neuen Segels und die ganze Prozedur in umgekehrter Reihenfolge dauern eben seine Zeit. Im Startgebiet lässt der Wind zunächst auf sich warten: Startverschiebung. Erst nach gut einer Stunde lebt der Wind auf. Da sich gleich einige deftige Böen bemerkbar machen, entscheiden wir uns für einen nochmaligen Wechsel auf das kleinere Tuch. Nun muss es sehr schnell gehen, denn wir sind bereits in der Vorstartphase. Hoffentlich haben wir uns jetzt nicht „verzockt“. Bald stellen wir fest, dass es nicht so ist. Nach dem Start nimmt der Wind an Stärke zu. Heftige Böen fegen über das Wasser. Oft muss ich das Vorsegel für einen kurzen Moment aufmachen, damit uns nicht das gleiche Schicksal ereilt wie am Montag. Nur aus den Augenwinkeln kann ich beobachten, dass andere Boote immer wieder auf der Backe liegen und keine Höhe mehr laufen können. Wir müssen auch kämpfen, kommen aber dank Stahlschwert und kleiner Genua gut voran. Auf den Spinnaker verzichten wir heute lieber. Die erste Wettfahrt dieses Tages beenden wir mit einem Grinsen im Gesicht als Vierte.
Die Pause bis zum nächsten Start nutzen wir und laufen in den Windschutz einer Landzunge. Andere Boote folgen unserem Beispiel. Wir wollen das Vorsegel weiter verkleinern. Für den Wechsel auf die Fock brauche ich diesmal weniger als sieben Minuten. Trotzdem wird die Zeit knapp. Der nächste Start erfolgt schon, während wir noch auf dem Weg zurück sind. Nun müssen wir innerhalb der nächsten fünf Minuten über die Startlinie, um noch in die Wertung zu kommen. Gleich am unteren Ende der Linie wenden wir um die Boje und kreuzen, was das Zeug hält. Glück für uns, dass der Wind noch weiter zugelegt hat. Pech allerdings, dass wir vor dem Start nicht in der Nähe des Startschiffes waren. Sonst wäre uns nämlich aufgefallen, dass diesmal drei Runden zu segeln sind. Erst bei Annäherung an die Ziellinie bemerken wir, dass sie noch nicht scharfgemacht ist. Zur Freude von Hilmar, an dem wir kurz vorher vorbei sind, müssen wir jetzt hinüber zur Luvtonne, sie runden und dann zusehen, wie er für uns unerreichbar davonzieht. Weit hinter ihm kommen wir schließlich als Neunte durchs Ziel.
Mit dezimiertem Feld starten wir anschließend zur dritten Wettfahrt. Das Segeln bei diesem Wind ist kräfteraubend. Einige Crews scheinen an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt zu sein. Dank ANNI mit ihrem Stahlschwert, kleiner Fock und guter Kondition wissen wir, dass der letzte Durchgang dieses Tages für uns zu schaffen ist. Wir beobachten, dass Hilmar die Wettfahrt abbricht. Später erfahren wir, dass seinem Vorschoter Martin der Großbaum vor die Stirn schlug, die Sache aber glimpflich abging. Mit dem siebten Platz in der dritten Wettfahrt liegen wir am Ende dieses turbulenten Tages vorläufig an der Spitze der B-Wertung.
Freitag, 31. Juli 2009
Tag der Entscheidung? Schwache und drehende Winde auf dem Wannsee. Startverschiebung. Wir nutzen die Zeit und üben Spinnaker-Manöver. Aber selbst das leichteste Tuch steht nicht. Auch das Dümpeln und Schauen vor dem Strandbad Wannsee wird mit der Zeit langweilig. Nach über drei Stunden des Wartens dann der Abbruch der heutigen Wettfahrten. Es geht zurück zum Stößensee. Am Abend dann bei vielen die Frage: Hält die Flaute auch morgen an?
Samstag, 01. August 2009
Bestenermittlung, letzter Tag. Den ersten Start verpatzten wir, weil wir nicht konsequent genug an die Startlinie gegangen sind. Danach läuft es auch nicht optimal. Kalle mit Vorschoter Jürgen, gestern hinter uns, und Hilmar mit seinem angeschlagenen Vorschoter Martin ziehen heute an uns vorbei. Selbst Godehard und Andreas kommen auf. Als Vorletzte retten wir uns vor ihnen ins Ziel. Der Segeltrimm haut nicht hin. Fieberhaft korrigieren wir das Großsegel, das wir wegen des schwachen Windes in seinem Stand vorher noch verändert haben. Uns ist klar, dass dieser zwölfte Platz und der vom Mittwoch unsere Streicher werden. In der nächsten und wegen des stetig abnehmenden Windes damit wahrscheinlich auch letzten Wettfahrt müssen wir alles geben, um den ersten Platz in der B-Wertung noch zu packen. Der Start klappt diesmal, auf der Kreuz gehen wir auf der Suche nach Wind wieder auf einen ganz anderen Kurs als der Rest des Feldes und haben Glück damit. Mit deutlich erhöhtem Puls gehe ich nach der Luvtonne zum Setzen des Spinnakers nach vorn. Hilmar ist uns dicht auf den Fersen. Während der zweiten Runde lässt der Wind weiter nach. Auf dem letzten Vorwindkurs bleiben plötzlich nicht nur Hilmar und Martin, sondern auch Ute und Stefan Kaiser hinter uns zurück. Mit inzwischen jagendem Puls und Hochspannung geht es auf die finalen Kreuzschläge zur Ziellinie, die wir schließlich als Siebte überqueren. Wir haben es geschafft. Unser Ziel, in diesem Jahr unter die ersten Drei zu kommen, wurde übertroffen durch die Erfüllung des heimlichen Traums, den ersten Platz in der B-Wertung zu belegen.
Auf der Rückfahrt, im Schlepp hinter den Erstplatzierten der A-Wertung, Willi Huck und Ulli Neuenfeld, lässt die Spannung allmählich nach und weicht nach der Siegerehrung fröhlicher Ausgelassenheit, als wir anstelle des obligatorischen Wurfs ins Wasser aus den übergroßen Weizenbiergläsern der Sieger „getauft“ werden.
Leider haben wir vom Segelrevier Havel und Wannsee während der hinter uns liegenden Regattawoche nicht allzu viel mitbekommen. Sicher ein Grund, während eines zukünftigen Urlaubs zum überaus gastfreundlichen SVSt zurückzukehren und von hier aus die Berliner Gewässer zu erkunden.
Hans-Werner Kneusels
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