Berichte

Segeltörn „Rund um Rügen“

21. bis 30. Mai 2004

mit Axel Grünig, Sudheim (bzw. Niederwerrn bei Schweinfurt) als Schiffsführer

„Notizen einer etwas anderen Urlaubswoche“
(aufgezeichnet von Hans-Werner Kneusels, Bad Lauterberg im Harz)

Boot: „AXEL“ (Eigner: Adolf Grünig, Sudheim)
Sloop, Typ „Edel 600“ (Frankreich), Baujahr 1980
Länge ü.a.: ca. 6,90 m, Länge WL: 6,00 m
Tiefgang mit Schwert: ca. 1,20 m, ohne Schwert: ca. 0,90 m
Gewicht ausgerüstet: ca. 1,1 t,
Außenbordmotor: Yamaha, 5 PS
Liegeplatz: Kiessee Northeim

Vom 23. bis 30. Mai gesegelte Strecke: ca. 166 Seemeilen (etwa 307 Kilometer)

Streckenverlauf:


Alle Zeiten in MESZ, d.h. UCT / GMT + 2 Stunden

Freitag, 21. Mai 2004 (Tag nach Himmelfahrt)

Bad Lauterberg, morgens um 08.00 Uhr Regen, 8° C, Windsstärke 0. Um 14.40 Uhr geht es los: Abfahrt nach Sudheim über Osterode, Katlenburg und Suterode. Ab Osterode hört der Regen auf. Als wir gegen 15.20 Uhr in Sudheim ankommen, scheint sogar die Sonne und es wird warm.
Axel ist schon da. Seine Eltern und er sind dabei, das Boot zu beladen. Der Mast, der längs über Bugkorb und Kajüte liegt, muss noch gesichert werden. Pinne und Großbaum wandern ins Vorschiff bzw. Kajüte. Mein Gepäck „verschwindet“ ebenfalls nach vorn, damit genug Gewicht auf der Deichsel des Trailers liegt. Nach etlichen guten und auch wichtigen Ratschlägen von Axels Eltern sind wir um 16.20 Uhr soweit und rollen los. Nun noch den Ford Focus, der erst jüngst für diese Fahrt mit einer Anhängerkupplung ausgestattet wurde, vollgetankt und die Reifen vom Bootstrailer auf den richtigen Luftdruck gebracht.

Es ist 16.30 Uhr, als wir auf der Autobahn A 7 in Richtung Hannover am Kiessee Northeim vorbei fahren, auf dem „Axel“ sonst liegt. Im Laufe des Abends fahren wir mit 80-85 km/h über die Autobahn A 2 in Richtung Berlin, dann auf der A 10 (Berliner Ring) westlich um Berlin herum und gelangen schließlich nördlich von Berlin auf die B 96 in Richtung Greifswald. Am Himmel sind keine Wolken mehr zu sehen. Nach einem herrlichen Sonnenuntergang wird es allmählich dunkel und auch kalt, während wir über die Alleen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns nach Norden fahren.



Durch dunkle Waldstücke gelangen wir weiter zur Ostseeküste, erreichen um 01.00 Uhr am Samstagmorgen Greifswald und landen im relativ neuen Yachthafen der Innenstadt in der Nähe der Hanse-Bootswerft. Auf einem ausgewiesenen Parkplatz nahe der Bootswerft stellen wir die Fahrzeuge ab. Es ist sternenklar und die Außentemperatur sinkt weiter, als wir in das auf dem Trailer liegende Boot klettern und in die Schlafsäcke kriechen.

Samstag, 22. Mai 2004

Wir haben einen wolkenlosen Himmel. Der Wind kommt aus West mit Stärke 3, zunehmend. Als nach 08.00 Uhr kein Hafenmeister in Sicht ist, beschließen wir um 08.30 Uhr weiter in Richtung Stralsund zu fahren, um bei Stahlbrode mit der Fähre über den Strelasund überzusetzen. Gegen 09.20 Uhr verlassen wir die Bundesstraße bei Reinberg und bekommen um 09.30 Uhr die Fähre nach Losentitz auf der Halbinsel Zudar (Rügen). Weiter geht’s durch wunderschöne Alleen über Garz und Krasnevitz nach Putbus. Um 10.00 Uhr erreichen wir den Yachthafen Lauterbach, etwa 1 km südöstlich von Putbus. Inzwischen ist die Temperatur auf 14° C gestiegen, die Sonne scheint, aber es herrscht nach wie vor ein frischer Wind, der noch zunimmt.

Um 11.30 Uhr ist das Boot per Kran im Wasser. Axel fährt es mit Motor zum Liegeplatz zwischen den schwimmenden Ferienhäusern am nördlichen Steg. Dort machen wir fest, um anschließend den Mast aufzustellen. Während Axel alles vorbereitet, die Wanten, Stage sowie Großbaum und Segel bereitlegt, fahre ich mit seinem Wagen nach Putbus, um einzukaufen.

Wir brauchen noch Brot, frischen Käse, Eier, Wurst, etwas Obst und Bier. Ich habe Glück, vor Geschäftsschluss noch alles zu erhalten, da hier die Supermärkte samstags pünktlich um 13.00 Uhr schließen. An Bord zurück essen wir erst mal ordentlich, bevor wir uns mit dem Mast und dem Rigg befassen. Wir fassen den Entschluss, heute hier zu bleiben, alles fertig aufzutakeln, die Segel anzuschlagen und am Nachmittag einige Schläge zu segeln, um alles zu testen.

Von 15.30 bis 16.30 Uhr segeln wir zwischen Lauterbach und der Insel Vilm, dem früheren Urlaubsdomizil Erich Honneckers. Im Westen zieht ein Unwetter auf. Starker Regen und Wind kündigen sich an. Wir gehen wieder ’rein, klaren das Boot auf, machen sauber und verstauen, was bisher noch keinen richtigen Platz gefunden hat. Anschließend ist Rasieren und Duschen angesagt.



Um 18.00 Uhr geht es mit dem Auto zum „alten“ Hafen von Lauterbach. Anschließend fahren wir zum Hotel-Restaurant „Nautilus“, ca. 5 km entfernt im Ortsteil Neukamp. Jules Verne lässt grüßen: ein Restaurant wie Kapitän Nemos U-Boot. Erinnerungen an „20.000 Meilen unter dem Meer“ werden wach. Sogar die Orgel ist vorhanden. Das Restaurant hat einen derartigen Zulauf, so dass man ohne Reservierung keinen Tisch bekommt. Wir haben Glück und finden Platz an der Theke. Neben gepflegtem Pils vom Fass genießen wir Matjes mit Bratkartoffeln.

Etwa 20.30 Uhr sind wir wieder an Bord und genehmigen uns noch ein Bier, schauen in die Seekarten und überlegen, was morgen früh anliegt und wohin wir segeln wollen. Trotz vorherrschender nordwestlicher Winde beabsichtigen wir nach einem leicht zu segelnden Stück nach Süden um Zudar herum den Strelasund aufwärts nach Stralsund zu gehen. Ab Palmer Ort an der Südspitze Zudars werden wir allerdings kreuzen müssen, um im Strelasund nach Norden zu kommen.

Sonntag, 23. Mai 2004

Wir wachen gegen 07.30 Uhr auf. Es ist bewölkt, der Wind kommt aus Nord mit Stärke 4 - 5.

Während des Frühstücks gibt es draußen immer wieder kurze Regenschauer. Als wir gegen 10.00 Uhr alles segelfertig gemacht haben, lassen die Schauer jedoch nach und die Sonne kommt heraus.

Die Wolken ziehen ab. Um 10.15 Uhr verlassen wir den Yachthafen von Lauterbach und segeln zunächst nach Süden. Der Wind kommt aus Nord mit 5 – 6, es ist sonnig, die Lufttemperatur beträgt 10° C. Wir wollen nach Stralsund, in den Yachthafen am Fährhafen (Innenstadt).



12.00 Uhr. Wir kommen gut voran, sind im Strelasund und müssen kreuzen. Der Wind hat auf Nordwest gedreht, kommt also genau entgegen unserer Fahrtrichtung. Im Laufe des Nachmittags wird das Wetter richtig gut. Sonnenbrillen und Sonnencreme sind angesagt. Etliche parallel laufende Segler benutzen den Motor. Wir haben jedoch bis zur Öffnung der Ziegelgrabenbrücke (zwischen Stralsund und dem Dänholm) genügend Zeit und fahren lieber unter Segeln weiter. Das macht bei der herrschenden Windstärke ja gerade den Reiz aus.



Nach Passieren der Fähre Stahlbrode, mit der wir gestern nach Rügen kamen, kreuzen wir weiter im winkligen Fahrwasser um die Halbinsel Drigge, vor der 1945 die „Gorch Fock I“ von ihrer Besatzung selbst versenkt wurde. Es ist 16.30 Uhr, als die Ziegelgrabenbrücke vor uns liegt. Wir machen in der Nähe der Volkswerft an Dalben fest und nutzen die Zeit bis zur Brückenöffnung, um zu essen. Um 17.20 Uhr geht es durch die geöffnete Klappbrücke. Im Segelhafen Stralsund, südlich der Nordmole, machen wir um 18.00 Uhr fest, nur wenige Gehminuten vom alten Stadtkern Stralsunds entfernt.



Gesegelt sind wir heute etwa 35 Seemeilen. Nach einem Tee machen wir uns nach einem Abstecher zum Liegeplatz der alten „Gorch Fock I“ auf den Weg in die Stadt. So stehen wir gegen 20.00 Uhr auf dem Alten Markt und bewundern die Schaufassade des Rathauses: ein Prachtexemplar der hanseatischen Backsteinarchitektur. Anschließend „unterqueren“ wir das Rathaus durch den langgestreckten Innenhof, ohne eine Türe öffnen zu müssen. Durch die Fußgängerzone gelangen wir zur großen Marienkirche, davor der Neue Markt.



Am Stadthafen lädt uns eine urige Hafenkneipe noch zu einigen Pils vom Fass ein. Mit einer Busladung älterer Ehepaare (alles Bauern aus Bayern, die zu einem Freundschaftsspiel ihrer Fußballmannschaft in Stralsund waren) haben wir unseren Spaß: sie sind besonders sanges- und trinkfreudig und laden uns zu einem „Kümmel“ ein. Den schlagen wir natürlich nicht aus. Um 00.30 Uhr sind wir zurück und liegen bald darauf in den Kojen.

Montag, 24. Mai 2004

Gegen 07.00 Uhr werden wir durch den Hafenbetrieb (Fähre, Handwerker, Fischer) geweckt. Es ist schwach bewölkt und heiter, die Sonne wärmt schon ordentlich. Der Wind kommt aus Nordwest mit 4 und ist böig. Die sanitären Einrichtungen des Yachthafens werden zur Zeit vom neuen Betreiber der Anlage fertiggestellt. So ist es verzeihlich, dass z.B. die Duschen noch keine Ablage- oder Aufhängemöglichkeit für Kleidung oder Waschzeug haben.

Wir wollen heute nach Hiddensee, Rügens „kleiner Schwester“. Günstiger wäre Wind aus West oder Südwest, da das sehr enge und flache Fahrwasser nach Hiddensee fast genau in nördliche Richtung verläuft. So werden wir hoch am Wind segeln müssen, ohne die Möglichkeit auf dem Tonnenweg zu kreuzen. Es ist 08.00 Uhr. Erst einmal frühstücken wir ausgiebig und sehen dann, wie es mit dem Wind steht. Wir haben Glück: während der Segelvorbereitung dreht der Wind weiter auf West, ganz anders als der Seewetterbericht, der rechtsdrehenden Wind vorhergesagt hatte.

10.30 Uhr: Leinen los, kurz nach der Hafeneinfahrt die Fock hoch und ins Fahrwasser (Tonnenweg) nach Norden in Richtung Zingst und Hiddensee. Auf Höhe der Marine-Technikschule Parow wird das Großsegel gesetzt, sicherheitshalber mit einem Reff. Wir können mit fast halbem Wind auf nördlichem Kurs durchsegeln. Unterwegs zweigt backbord das Fahrwasser nach Zingst ab. Auf beiden Seiten des betonnten Weges beträgt die Wassertiefe an manchen Stellen nur etwa 30 – 50 cm. Wellen, die durch den Wind und die Boote erzeugt werden, brechen sich teilweise an diesen Untiefen.

Ohne zwischendurch auf einen anderen Bug zu gehen, gelangen wir so bis zur Hafeneinfahrt von Vitte auf der östlichen Seite von Hiddensee. Direkt vor der Hafeneinfahrt beginnt das kurze Nebenfahrwasser in den privaten Yachthafen „Lange Ort“. Zurückgelegt haben wir heute etwa 20 Seemeilen.



Unterwegs war es leicht bewölkt, immer wieder gab es sonnige Abschnitte. Der Wind wehte mit Stärke 6, in Böen mit 7. Das Reff im Großsegel hatte schon seine Berechtigung. Die Fahrt war durch zeitweilig überkommendes Wasser etwas nass, dafür aber zügig und nicht lang-weilig. Auch heute sind größere Boote, obwohl besser besegelt, auf gleichem Kurs mit Motor gefahren!

Um 15.00 Uhr machen wir bei herrlichem Sonnenschein, aber starkem Wind im Yachthafen fest. Die Liegegebühr beträgt 10 € für einen Tag. Daran merken wir, dass wir auf einer kleinen Insel gelandet sind. Dafür sind Steganlage und Sanitärgebäude in sehr gutem Zustand. Als wir zu Fuß den Hafen verlassen, wird auch gleich noch die Tageskurtaxe von 1,50 € pro Person kassiert.

Gegen 16.30 Uhr sind wir in Vitte. Wir kaufen wir uns leckere Fischbrötchen und je eine Flasche Rostocker Pils. Da die Insel relativ schmal ist, sind wir bald am schönen Strand der Westseite. Im Windschutz zweier Strandkörbe nehmen wir, auf ein paar Fischkisten sitzend, unseren Imbiss ein.

Nach Rückkehr an Bord schreibe ich einige Ansichtskarten an Familie und Freunde. Später, gegen 19.30 Uhr, spazieren wir erneut vom Yachthafen „Lange Ort“ nach Vitte zum Abend-essen. Etwa um 23.00 Uhr sind wir zurück auf dem Boot und trinken noch ein Absackerbier. Der ausgehängte Wetterbericht sagt für den kommenden Tag Wind der Stärke 7 – 8, in Böen 9, aus Nordwest voraus. Da wir planen, von Hiddensee ein ganzes Stück nach Norden aus dem Landschutz heraus zu segeln und dann nach Osten um Kap Arkona zu gehen, entschließen wir uns, kein unnötiges Risiko einzugehen, sondern einen „Ruhetag“ einzulegen. Nach einem ordentlichen Frühstück werden wir über den Ort Kloster zur Nordspitze Hiddensees wandern, um uns den Leuchtturm Dornbusch und die Umgebung anzuschauen.

Dienstag, 25. Mai 2004 (Hiddensee)

Wir frühstücken in aller Ruhe und machen uns anschließend auf den Weg nach Kloster. Hier sind nur Fußgänger, Fahrräder und Pferdewagen unterwegs. Es ist fast Mittag, als es von Kloster weitergeht ins Naturschutzgebiet Dornbusch, wie der nördliche höher gelegene Teil Hiddensees heißt (72 m). Rechts und links des Weges blühender Ginster, der stark duftet. Weiter aufwärts rauscht der starke Wind in den Kiefern und treibt die Wolken sehr schnell nach Osten. Im Windschutz der Bäume und in Senken ist es warm. Wir erreichen den weißen Leuchtturm von Dornbusch.



Die Insel gehört mit 1800 bis 1900 Sonnenstunden im Jahr zu den sonnenreichsten Regionen Deutschlands. Besonders jetzt im Frühjahr scheint die Sonne fleißig, denn die Ostsee ist noch verhältnismäßig kalt und deshalb die Wolkenbildung gering. Wir schauen eine gute Weile nach Westen und Norden auf die aufgewühlte Ostsee und sind froh, dass wir heute nicht dort draußen unterwegs sind. Der Ausblick von hier oben ist atemberaubend. Es bieten sich großartige Landschaftsbilder.

Später am Nachmittag gehen wir über den Weg an der Steilküste, von dem man weit über den Süden der Insel bis zu den Kirchtürmen Stralsunds am Horizont sehen kann. Der Weg führt uns hinunter zum Strand, an dessen Buhnen sich bei dem herrschenden Starkwind die Wellen mit meterhohen Gischtfontänen brechen.



An Bord zurück gibt es ein einfaches Abendessen. Nach dem Abwasch folgt ein abschließendes Bier vor dem Schlafen. Morgen wollen wir versuchen nach Norden weiter zu kommen. Anschließend dann um Kap Arkona in Richtung Südost nach Lohme oder Glowe an der Schaabe, wie die Nehrung zwischen Tromper Wiek und Gr. Jasmunder Bodden heißt.

Mittwoch, 26. Mai 2004

Wir sind gegen 07.00 Uhr wach. Draußen ist es kalt und bewölkt mit sonnigen Abschnitten. Der Wind kommt mit Stärke 5 - 6 aus West. Das ist für unser Vorhaben ausgesprochen günstig. Um 09.00 Uhr haben wir das Boot und die Segel klar zum Auslaufen. Mit Motor geht es die wenigen Meter aus dem Hafen heraus, draußen nehmen wir sofort die Segel hoch. Uns folgt eine Segelyacht von gut 10 Metern Länge. Kurz vor Erreichen des Hauptfahrwassers versucht der Bootsführer nach Süden in Richtung Stralsund abzukürzen und läuft prompt auf Grund. Die Wassertiefe außerhalb der Fahrrinne beträgt laut Seekarte nur knapp 1 Meter und weniger. Wir sind schon ein ganzes Stück nach Norden gesegelt und passieren die Nordspitze Hiddensees. Beim Blick durchs Fernglas können wir sehen, dass die aufgelaufene Yacht immer noch versucht, sich durch die rückwärtslaufende Schraube zu befreien.

Aus dem Schutz von Hiddensee herauskommend, erfassen uns jetzt der Wind und die See ungeschützt. Voraus sind in der Ferne am Horizont eine Fregatte und ein Schnellboot erkennbar, die nach Osten ablaufen. Über uns hinweg ziehen mit hoher Geschwindigkeit dunkle Wolken, die anschließend über Rügen abregnen. Wir bleiben von oben trocken. Auch von vorn kommt trotz starken Windes und einer Wellenhöhe von etwa 1,5 Metern kaum Wasser über, da das Boot bei etwas größerer Wellenlänge nicht mehr so hart einsetzt, sondern die Wellen besser abläuft. Wir fahren so recht flott mit geschätzten 6 - 7 Knoten. Ablesen können wir die Geschwindigkeit nicht, weil das Log nicht angeschlossen ist.



Der Wind kommt so günstig, dass wir westlich von Kap Arkona nur einmal halsen müssen, um auf Ostkurs zu gehen, der uns an der Nordküste Rügens entlang bis Kap Arkona bringt. Markant sind die beiden Leuchttürme: der ältere ist viereckig und 20 Meter hoch. Heute dient er als Museum und Standesamt. Seit 1902 schickt der nebenstehende 34 Meter hohe Turm bei Dunkelheit und schlechter Sicht sein Blitzfeuer über 21 Seemeilen weit aufs Meer hinaus. Außerdem ist der ehemalige Marinepeilturm der Kriegsmarine zu nennen. Er bekam eine moderne Glaskuppel aufgesetzt und ist heute Aussichts- und Ausstellungsturm. Gegen 13.00 Uhr stehen wir nordöstlich von Kap Arkona und haben damit den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Wir öffnen zwei Flaschen Bier und trinken auf die Umrundung, nicht ohne vorher einen guten Schluck für „Neptun“ geopfert zu haben.

Seltsamerweise dreht zu dieser Zeit der Wind auf Nordwest, so dass wir fast vor dem Wind nach Südost in Richtung Lohme über die Tromper Wiek laufen können, wieder ohne größere Segelmanöver. An Steuerbord können wir in der Ferne den mehrere Kilometer langen Sandstrand zwischen Juliusruh und Glowe ausmachen.



Um 15.30 Uhr sind wir im kleinen Hafen von Lohme an der Nordküste von Jasmund. Schon von weitem haben wir gesehen, dass im Hafen keine Sportboote liegen. Beim Einlaufen wird klar, weshalb: der Hafen stinkt fürchterlich – vermutlich faulender Tang! Unsere Liegeplatz-nachbarn auf Hiddensee hatten uns vorgewarnt. Unser Entschluss: wieder ’raus aus dem Hafen und nach Glowe, das weiter westlich an der Schaabe liegt.

Über Wittow im Westen zieht eine dunkle Wolken- und Regenfront hoch. Der Wind kommt nun aus West mit Stärke 7, in Böen auch mit 8. Nun wird es anstrengend und der sportliche Teil des Tages beginnt, da wir die etwa 5 Seemeilen bis vor die Hafeneinfahrt Glowe gegen an kreuzen müssen. Durch den Wind entsteht eine unangenehm kurze Welle, die uns jetzt hart und nass segeln lässt. Das Großsegel ist gerefft, die Fock ist für diesen Wind zu groß. Axel will so dicht unter Land jedoch nicht wechseln. Es ist schon eine Knüppelei, bei der wir diesmal ordentlich nass werden.

Inzwischen ist es 17.00 Uhr und wir sind immer noch nicht im Hafen. In den Windböen haben wir ordentlich Schräglage. Axel muss mehrfach das Großsegel auffieren, um den Winddruck zu verkleinern. Dabei verliert das Boot an Fahrt, also anschließend Segel wieder dichter, um wieder mehr Vortrieb zu haben. Vor dem Yachthafen Glowe startet Axel sicherheitshalber den Motor. Wir nehmen die Segel ’runter und fahren mit Motor zu den Liegeplätzen im Innenbereich des Hafens.

Zurückgelegt haben wir heute etwa 35 Seemeilen. Ein bisschen abgekämpft klaren wir noch in nassen Sachen das Boot auf und gehen danach im modernen und sauberen Sanitärgebäude zum Duschen. Inzwischen ist es 19.00 Uhr. Heiß Duschen, frische Wäsche und ein trockenes Hemd – das tut gut! Gegen 20.00 Uhr machen wir uns auf den Weg ins etwa 500 Meter entfernte Glowe, einem aufstrebenden Touristenort. Im Restaurant „Zur Schaabe“ nehmen wir ein günstiges Angebot wahr: Rotbarschfilet mit Pommes frites für 7,60 €. Als Vorspeise teilen wir uns einen frischen Heringssalat und gönnen uns zum Nachtisch Pflaumenkuchen. Der hier übliche Kümmel zur Verdauung darf nicht fehlen.

Um 22.00 Uhr sind wir zurück auf dem Boot. Die aufgehängten nassen Kleidungsstücke werden nicht richtig trocken, da die Luft zu feucht ist. Sie müssen am nächsten Morgen nochmals herausgehängt werden, bevor sie weggepackt werden können. Auf den heutigen abwechslungsreichen Tag, die „sportliche“ Einlage am Nachmittag und das gute Essen am Abend genehmigen wir uns vor dem Schlafen einen Whisky aus meiner Taschenflasche.

Donnerstag, 27. Mai 2004

Es ist 07.00 Uhr, als ich wach werde. Die Wolken des gestrigen Tages haben sich verzogen. Die Sonne steht schon eine ganze Zeit am blauen Himmel. Es weht ein schwacher Wind aus Nord. Nach dem Frühstück räumen wir auf und kontrollieren die Bilge. Ich schöpfe etwas Wasser aus und trockne mit einem Lappen. Vermutlich handelt es sich nur um Schwitzwasser. Bei der Gelegenheit reinigen wir gleich die Bodenbretter und räumen alles wieder ein. Heute Abend schauen wir noch mal nach, wie viel Wasser sich bis dann gesammelt hat.

Um 10.30 Uhr verlassen wir den Hafen, während der Wind fast einschläft. Wir segeln mit der Genua und ausgerefftem Großsegel zunächst auf Ostkurs.



Wir wollen nach Thiessow im Süden von Mönchgut. 12.00 Uhr: der Wind bleibt schwach und wir kommen nur langsam voran in Richtung Südost. Gegen 14.00 Uhr sind wir erst querab Stubbenkammer / Königsstuhl. Bis zum Thiessower Hafen ist es für heute zu weit. Wir werden nach Sassnitz gehen. Wir machen nach 15 Seemeilen um 16.00 Uhr im alten Stadthafen von Sassnitz fest und klaren das Boot auf. Anschließend genießen wir unser „Einlaufbier“, während wir in der Sonne sitzen und anderen Booten beim Anlegen zuschauen. Teilweise sind es größere Boote, die wir bei dem schwachen Wind aufgrund unseres günstigeren Segelflächen-Masse-Verhältnisses unterwegs überholt haben.



Es ist gegen 19.00 Uhr, als wir uns zu einem Rundgang aufmachen. Sassnitz in einer Hanglage. Von vielen Punkten der Stadt kann man deshalb hinunter auf den Fischerei-, Ausflugs- und Segelhafen blicken. Über die schützende 1,5 Kilometer lange Mole geht der Blick dann weiter auf die weite Ostsee.

Wir beenden unseren Rundgang mit einem Abendessen in der „Pommerschen Fischräucherei“ am Fischereihafen. Das geräumige Restaurant befindet sich in einem neuen Hafengebäude. Der Gastraum ist mit Fangutensilien, Rettungswesten und Laternen der vergangenen Epochen geschmückt. Außerdem finden sich dazwischen lauter Haushalts- und Gebrauchsgegenstände aus der ehemaligen DDR. Von unserem Tisch können wir auf einen Räucherofen sehen, der hinter der Theke steht. Wir essen panierten Dorsch mit Bratkartoffeln. Da wir offensichtlich einen hungrigen Eindruck machen, finden wir jeder anstatt eines Dorschfilets anderthalb auf unseren Tellern. Auch hier gehört der übliche Kümmel als „Nachtisch“ dazu. Wir liegen um 23.00 Uhr in der Koje und hoffen auf etwas mehr Wind am nächsten Tag.

Freitag, 28. Mai 2004

Als wir um 07.00 Uhr aufstehen, sind die Hafentoiletten sauber gemacht worden. Das Duschen lassen wir heute ausfallen, da die Duschen im Hafen privat verpachtet sind und die Benutzung 2 € pro Person kosten soll. Stattdessen waschen und rasieren wir uns in den frisch gereinigten Toilettenräumen. Nach dem Frühstück mit frischen Brötchen wird das Boot segelfertig gemacht. Es ist wieder sonnig und wir haben einen schwachen Wind aus Nordwest. Um 09.15 Uhr steuert Axel mit Motor ins Hafenbecken. Dort setzen wir Segel. Es ist 09.30 Uhr, als wir den Hafen von Sassnitz verlassen und uns auf den Weg nach Thiessow machen. Zunächst geht es direkt vor dem Wind in Richtung Südost über die Prorer Wiek, wie die Bucht zwischen Sassnitz und dem Seebad Sellin heißt. Wir passieren Prora in einer Entfernung von etwa 4 Seemeilen.

Am Seebad Binz vorbei geht es weiter nach Südosten. Durch das Fernglas sehen wir die Gebäude und die etwa 4 Kilometer lange Strandpromenade. Als wir kurze Zeit später das Seebad Sellin passieren, dreht der Wind auf Südwest mit Stärke 2 – 3 und die Wolken verschwinden vollends. Die Wettervorhersage verspricht 10 Stunden Sonne am heutigen Tag. Um 11.30 Uhr ist der Wind jedoch fast eingeschlafen und kommt auf Höhe des sogenannten „Nordperds“, der nordöstlichen Spitze Mönchguts, plötzlich mit 0,5 – 1 aus Nord! Dann dreht er weiter auf Ost, bleibt aber schwach. Es herrscht nahezu Flaute. In kurzen Böen nehmen wir immer wieder Fahrt auf und sind dann schneller als größere, schwerere Boote. Wir fahren mit Motor etwa 0,5 Seemeilen nach Süden und siehe da, dort haben wir wieder Wind. Er kommt jetzt aus Süden und wir kreuzen entlang der Ostküste von Mönchgut vorbei an Lobbe.



Gegen 13.30 Uhr dreht der Wind plötzlich weiter auf West und frischt zusehends auf. Nun müssen wir mit langen Schlägen kreuzen, um das sogenannte „Südperd“ und den „Thiessower Haken“ umrunden zu können. Mit dem letzten Schlag nach Norden kommen wir bis zur Ansteuerungstonne von Thiessow, bergen das Großsegel und fahren wegen des schmalen Fahrwassers sicherheitshalber nur mit der Genua weiter. Jetzt laufen wir vor dem Wind fast genau Kurs Ost im „D-Zugtempo“ (mit geschätzt 7 Knoten rauschender Fahrt) hinein nach Thiessow. Der kleine Hafen, den wir um 15.30 Uhr erreichen, ist in erster Linie Fischereihafen. Mit Platz für etwa 10 Sportboote gilt er jedoch unter Seglern als Geheimtipp. Die heute zurückgelegte Distanz beträgt ca. 25 Seemeilen.

Nach dem Duschen machen wir uns auf den Weg in den etwa 2 Kilometer entfernten Ortskern, um einzukaufen. Auf dem Rückweg bietet sich eingroßartiger Blick über die Bucht, die angrenzenden Wälder und die Rapsfelder in voller Blüte, die sich bis zum Ufer hinunter ziehen. An Bord zurück sind wir kurz nach 18.00 Uhr. Im schönsten Sonnenschein trinken wir ein „Störtebeker Pils“, während auf den Nachbarbooten schon heftig gegrillt wird.

Dafür essen wir einige Zeit später im Restaurant „Zum Hafen“ Bratheringe „satt“. Auch hier lassen wir den üblichen Kümmel folgen und trinken außerdem Störtebeker-Bier aus Gläsern ohne Fuß, die nicht alleine stehen können (Störtebeker = Stürz’ den Becher). An Bord überlegen wir bei einem letzten Bier, was wir am morgigen Samstag machen wollen. Wir werden versuchen, nach Greifswald zu segeln und dann am Sonntagmorgen ganz früh aufbrechen nach Lauterbach, unserem Ausgangspunkt.

Samstag, 29. Mai 2004 (Pfingstsamstag)

Wach werden wir um 07.30 Uhr. Nach umfangreichem Frühstück laufen wir mit Motor vom Hafen durch das Fahrwasser bis zur Ansteuerungstonne zurück und nehmen dort die Segel hoch. Bei schwachem Wind aus Nord segeln wir mit Kurs Südwest in Richtung Greifswald. Es ist sonnig, aber kühl. Mittags brennt dann die Sonne, weil der Wind fast einschläft. Es geht nur noch langsam voran. Uns kommen viele Segler aus Greifswald entgegen, die wohl alle das lange Pfingstwochenende nutzen wollen. Viele fahren mit Motor, da sie sonst aus der Greifswalder Bucht nicht herauskämen. Es ist relativ still auf dem Wasser. Wir machen kaum Fahrt durch das Wasser. Von den Booten in einiger Entfernung kann man die Stimmen gut hören. Es wird 16.00 Uhr, bis wir im alten Hafen von Greifswald-Wieck sind. Gesegelt sind wir heute rund 18 Seemeilen. Wir machen an einem freien Liegeplatz des Akademischen Segelvereins Greifswald fest.







Da der Hafenmeister des ASV erst um 18.00 Uhr wieder da sein wird, nehmen wir ein verspätetes Mittagessen und das letzte Bier aus Thiessow ein. Währenddessen beobachten uns die Spaziergänger auf der Hafenpromenade und wir unsererseits den regen Sportbootverkehr im Hafen an diesem wunderschönen Samstagnachmittag. Etwas später erscheint der „Hafenmeister“, ein Clubmitglied des ASV, das heute „Dienst“ hat. Wir halten einen kleinen Schwatz mit ihm. Er fragt nach dem „woher“ und erklärt dann seinerseits, dass er Einbeck und Einbecker Bier kennt.

Abends spazieren wir am Hafen entlang, überqueren das Flüsschen Ryck mit Hilfe der alten Klappbrücke und gönnen uns auf der Südseite im Restaurant “Fischerhütte“ ein Abschlussessen: Matjes, dazu Bier vom Fass.

Auf dem Rückweg zum Boot dunkelt es bereits. Wir gehen bis zum Ende der nördlichen Hafenanlage und steigen in der Abenddämmerung auf eine Aussichtsplattform über dem Obergeschoss des dort stehenden Apartmenthauses. Über das stille Wasser blicken wir zum nordwestlichen Horizont. Der Himmel ist von der bereits untergegangenen Sonne noch gelblich erhellt, im dunklen Osten und Süden funkeln bereits die Sterne. Zurück an Bord trinken wir noch den letzten Whisky aus meiner Taschenflasche auf ein glückliches Ende der gemeinsamen Fahrt, die bis hierher gut und harmonisch verlaufen ist.



Pfingstsonntag, 30. Mai 2004

Geweckt werden wir um 05.00 Uhr durch Fischer, die mit tuckerndem Diesel den Hafen verlassen. Die Sonne geht gerade auf und es weht, es ist kaum zu fassen, ein frischer Wind aus Süden! Gefrühstückt wird heute unterwegs. Am Ende des betonnten Fahrwassers nehmen wir die Segel hoch und laufen mit Genua und Großsegel genau vor dem Wind nach Norden. Über dem Wasser liegt noch Dunst der vergangenen kühlen Nacht. Die Sonne wärmt nur langsam.

Wir schaffen bis 09.00 Uhr etwa die Hälfte der Strecke nach Lauterbach. Im Norden sind die Küste von Rügen mit Lauterbach und die Insel Vilm im Fernglas bereits gut zu erkennen. Leider schläft der Wind, der uns bis jetzt recht flott vorankommen ließ, nahezu ein. Es wird warm, die Sonne beginnt unangenehm zu brennen. Es ist nach wie vor etwas dunstig. Wir holen die Segel ein, schlagen sie ab und verstauen sie erst einmal im Vorschiff. Um mittags in Lauterbach zu sein, müssen wir den Rest des Weges mit Motor zurücklegen. Um 11.30 Uhr liegen 18 Seemeilen hinter uns und wir im Hafen vor dem Kran, beginnen abzutakeln und legen den Mast um. Der Hafenmeister ist um 12.00 Uhr da und schaut nach uns. Er lässt uns wissen, dass er jetzt nach Hause müsse, damit er keinen Ärger mit seiner Frau bekäme, die mit dem Pfingstbraten auf ihn warten würde. Wir nutzen die Zeit und essen, auf einer Bank am Hafen sitzend, von unseren letzten Vorräten. Inzwischen ist es richtig warm und schwül geworden. In der Ferne liegt Dunst über dem Wasser. Der Horizont ist nicht mehr klar auszumachen.



Pünktlich um 13.00 Uhr ist der Hafenmeister wieder da. Kurze Zeit später liegt das Boot auf dem Trailer. Wir verzurren das Boot, die Befestigung des Mastes wird noch mal kontrolliert und ich fülle noch mal unsere Wasserflaschen. Es ist 13.30 Uhr, als wir losfahren. Zunächst geht es über den Rügendamm und Stralsund nach Greifswald, anschließend weiter nach Süden auf der B 96 in Richtung Berlin. Die Ringautobahn A 10 erreichen wir gegen 18.00 Uhr. Auf Höhe Potsdam fahren wir auf die A 2 in Richtung Magdeburg und Helmstedt. Wir wollen über Salzgitter nach Hildesheim. Ab Hildesheim rollen wir weiter auf der B 1 in Richtung Hameln, dann über Betheln und Gronau nach Rheden. Um 22.30 Uhr sind wir dort. Axel setzt mich bei meinen Schwiegereltern und meiner Familie ab, die dort über Pfingsten zu Besuch ist. Anschließend fährt er die restliche Strecke über die B 3 alleine weiter und hofft gegen 23.30 Uhr bei seinen Eltern in Sudheim zu sein.

Wir sind einer Meinung, dass diese Segelreise eine schöne Sache war. Deshalb wollen wir versuchen, dies in ähnlicher Form im nächsten Frühjahr zu wiederholen.

Hans-Werner Kneusels

© 2008- Segelclub Bad Lauterberg e. V. Seite zuletzt geändert:

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